Prof. Dr. Gerhard Schembecker im ChemBioTec-Interview




Prof. Dr. Gerhard Schembecker
Lehrstuhl für Anlagen- und Prozesstechnik
Fakultät Bio- und Chemieingenieurwesen
TU Dortmund

Zur Person

Prof. Dr. Ing. habil Gerhard Schembecker hat Chemietechnik an der Technischen Universität Dortmund studiert und auf dem Gebiet der Wissenserhebung und Wissensspeicherung am Beispiel des Rückbaus von Altanlagen promoviert. Im Jahr 1999 erhielt er die venia legendi für das Fachgebiet Prozess- und Anlagentechnik mit einer Habilitationsschrift zur Heuristisch-Numerischen Prozesssynthese. In seiner Arbeitsgruppe entstand das wissensbasierte Beratungssystem PROSYN zur Planung chemischer Produktionsprozesse.
Prof. Schembecker ist Mitgründer der Consulting-Firma Process Design Center. Als Geschäftsführer hat er in mehr als 100 industriellen Entwicklungsprozessen gearbeitet, mit dem Ziel, neue chemische Verfahren zu entwickeln oder bestehende Prozesse zu optimieren. Er erhielt mehrere Innovationspreise (Rudolf-Chaudoire Preis 1996, Haltermann Innovationspreis 1998, Shell Memento Innovationspreis 1999).
Seit September 2005 leitet Prof. Schembecker den Lehrstuhl für Anlagen- und Prozesstechnik in der Fakultät Bio- und Chemieingenieurwesen der Technischen Universität Dortmund. Seine Forschungsinteressen sind die experimentell abgesicherte Prozessentwicklung mit besonderem Fokus auf innovative Aufarbeitungsprozesse sowie Modularisierung im Anlagenbau.
Prof. Schembecker hat ca. 40 begutachtete Veröffentlichungen und Buchbeiträge publiziert, wird als Erfinder auf 3 Patenten genannt und ist Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Organisationen sowie wissenschaftlichen Beiräten. Er ist Sprecher des NRW-Graduiertenclusters „Industrielle Biotechnologie”, eine universitätsübergreifende Doktorandenschule getragen von der TU Dortmund gemeinsam mit den Universitäten Düsseldorf und Bielefeld.

Zum Lehrstuhl

Die Forschung am Lehrstuhl umfasst zentrale Fragestellungen der Anlagen- und Prozesstechnik aus den Bereichen Prozessentwicklung und Anlagenplanung. Die im Fokus stehenden Produkte stammen mehrheitlich aus den Bereichen Biotechnologie, Feinchemikalien und Pharmazie. In der Regel sind industrielle Unternehmen in diese Projekte einbezogen, damit der Praxisbezug der Arbeiten gewährleistet ist.

Die Forschungsarbeiten gliedern sich in drei Gebiete:


Weitere Informationen auf der Homepage des Lehrstuhls APT

Interview

Herr Prof. Dr. Schembecker, was hat Sie dazu bewegt seinerzeit in Dortmund zu studieren?

Die Entscheidung in Dortmund Chemietechnik zu studieren habe ich sehr bewusst getroffen. Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, in meinem Studium Chemie mit einer Ingenieurwissenschaft zu verknüpfen.
Auf den Studiengang in Dortmund bin ich dann über eine Studienberatung vom Arbeitsamt aufmerksam geworden. Ein Vortrag des damaligen Geschäftsführers der Fakultät weckte mein Interesse und bewegte mich dazu nach Dortmund zu fahren um mich umzusehen und mir von der Fachschaft weitere Informationen geben zu lassen. Die gesammelten Eindrücke und Informationen führten dazu, dass ich mich für Dortmund entschied.

Seit 2005 sind Sie Inhaber des Lehrstuhles Anlagen- und Prozesstechnik an der TU Dortmund, mit welcher Zielsetzung und Motivation gehen Sie Ihrer Tätigkeit nach?

Bevor ich den Lehrstuhl für Anlagen- und Prozesstechnik übernommen habe, war ich 10 Jahre in meinem Ingenieurbüro für chemische Verfahrensentwicklung selbstständig tätig. Ich konnte erfahren, welche Prozessverbesserungen erreicht werden konnten durch die Verwendung systematischer Prozesssynthese- und Simulationsmethoden, wie z.B PROSYN oder Aspen. Als ich an die Uni ging habe mir daher mit der Übernahme des Lehrstuhls zum Ziel gesetzt, Möglichkeiten zur Simulation biotechnologischer Verfahren, basierend auf physikalischen Grundlagen, aufzuzeigen und zu entwickeln.
Meine Motivation ist dabei Studenten und Studentinnen mit (meinen) neuen Ideen anzustecken und Ihnen somit in Zukunft die Chance zu geben in der Industrie etwas bewegen zu können.

Die TU Dortmund und insbesondere die Fakultät BCI verfolgen das Ziel sich nachhaltig und gezielt im Bereich der Life-Sciences und deren industriellen Anwendungen zu etablieren. Wie beurteilen Sie dieses Vorhaben und welche Chancen sehen Sie dadurch für die TU und die Region als Hotspot für industrielle Biotechnologie?

An der TU Dortmund existiert eine in dieser Form in Deutschland einzigartige Kombination aus Grundlagenforschung und anwendungs-orientierter Forschung.
Die breit aufgestellte Fakultät Bio- und Chemieingenieurwesen befasst sich mit der Biokatalyse und dem ganzheitlichen Verfahrensentwurf biotechnologischer Prozesse inklusive Downstream-Processing und Produktgestaltung. Die Fakultät Chemie bietet Chemische Biologie.
Darüber hinaus ist eine Vielzahl von angrenzenden Instituten und Einrichtungen wie dem Leibniz Institut für Analytische Wissenschaften ISAS e.V., dem Institut für Umweltforschung, mehreren Fraunhofer-Instituten sowie dem Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie und dem BioMedizinZentrum Dortmund vorhanden. Dazu kommt ein direkt angegliederter Technologiepark.
Dieses Agglomerat an wissenschaftlichem Know-How und die räumliche Nähe zur Industrie bieten die große Chance an der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und Anwendung anzugreifen, insbesondere wenn es darum geht Engineering-Aspekte in die Forschung und Entwicklungen der Life-Sciences zu etablieren und aufzuzeigen.
Vor diesem Hintergrund sehe ich die TU im Vergleich zu anderen Universitäten sehr gut aufgestellt und bin überzeugt, dass das vorhandene Potenzial noch nicht voll ausgeschöpft ist.

Die Wirtschaftskrise ist in aller Munde, dennoch hört man aus der Biotech-Branche vergleichsweise wenige negative Meldungen. Ist die Branche Krisensicher?

Ein klares Nein! Momentan lebt die industrielle Biotechnologie noch von der Anfangseuphorie.
Festmachen lässt sich das an dem weiterhin zu hohen Anteil an Fremdfinanzierung in vielen Unternehmen, da der eigene Cash-Flow nicht ausreicht sich selbst finanzieren zu können.
Es besteht demnach immer das Risiko, dass bei nicht zufriedenstellenden Ergebnissen und Fortschritten viele Investoren das Interesse an der Branche verlieren und viel Kapital vakant wird. Dieses ist aber dringend nötig um die zweifelsfrei zahlreich vorhandenen innovativen Ideen in Produkte umzusetzen.
Zwar ist es positiv zu bewerten, dass in der Krise viele Investoren weiterhin die Unternehmen unterstützen, dennoch besteht die große Herausforderung in zeitnaher Zukunft, d.h. in den nächsten 3-5 Jahren, größere Erfolge mit durchgeführten Projekten vermelden zu können, um zu belegen, dass die industrielle Biotechnologie eine Alternative zur Chemie darstellt.

Was darf man mittel- und langfristig von der Branche erwarten?

Langfristig kann man durchaus erwarten, dass sich die (industrielle) Biotechnologie zu einer echten, guten und vor allem konkurrenzfähigen Technologie im Vergleich zur Chemischen Industrie entwickelt.
Allerdings bezweifle ich stark die aktuell diskutierten Zeitskalen, in denen diese Entwicklung stattfinden soll. Diese sind meiner Ansicht nach in keinster Weise realistisch.

Zum Thema CBT: Sie waren mehrmals in verschiedener Funktion an Projekten beteiligt. Welche Erfahrungen haben Sie gewinnen können?

Bemerkenswert sind besonders die sehr schnelle Abwicklung der Antragsstellung, „das ist schon ein knackiges Programm“ (lachen), sowie der Begutachtungsprozess, der doch überraschend hart ist, da dieser sehr hohe Anforderungen an die Antragssteller und deren Projekte stellt.
Nichts desto trotz verläuft dieser ausgesprochen fair, sodass ich selbst mit dem Verlauf unseres abgelehnten Projektes sehr zufrieden war.
Gut empfinde ich zudem die Etablierung der Ökoeffizienzanalyse, die von Beginn des Projekts CBT sowohl inhaltlich konkretisiert als auch methodisch verbessert wurde.
Das Projekt CBT hat es mir persönlich ermöglicht, Projekte allein auf der Basis einer Idee, von der absolut niemand hervorsagen konnte, ob sie am Ende funktionieren würde, durchzuführen. Für solche Anliegen hätte ich vermutlich nur äußerst schwer Mittel zur Finanzierung erhalten, sei es durch Investoren oder Fördermittel.
Kurzum: die Durchführung eines Projektes mit CBT ist unkompliziert, transparent und schnell.

Für wen könnte Ihrer Meinung nach das Netzwerk der CBT interessant sein?

Neben den schon im Netzwerk etablierten Bereichen bietet sich den mittelständischen Apparate- und Maschinenherstellern eine große Chance, da bislang die apparative Seite der Prozesse durchweg vernachlässigt wurde. Und das, obwohl die Geräte und Apparate die Basis für jeden Prozess darstellen.
Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die DBU diesen Aspekt überhaupt in Ihren Projekten beleuchten möchte.
Aber: es würde bei der Umsetzung der Projekte und Prozesse sehr hilfreich sein.

Wie beurteilen Sie die Möglichkeiten für Interessenten Ihre Ideen und Konzepte mit dem Netzwerk der CBT verwirklichen zu können?

Die Möglichkeiten sind immer gut, solange die Idee wirklich gut ist. Zudem hilft es bei der Antragstellung schon auf ein Netzwerk an Unternehmen und Institutionen zurückgreifen zu können. Dies ist jedoch nicht zwingend erforderlich, da CBT bei der Suche nach geeigneten Kooperationspartnern behilflich ist.
Generell sind die Randbedingungen als sehr gut einzustufen.
Ich kann jedem, der eine gute Idee oder schon vorhandene Technologie hat, nur empfehlen auf das Netzwerk der CBT zuzugehen und eine Förderung zu beantragen.

Wie schätzen Sie aktuell die Bereitschaft von Unternehmen ein, frische, innovative Ideen und Konzepte zu entwickeln und industriell anzuwenden?

Die Bereitschaft ist immer vorhanden, die Frage ist doch: In wie weit ist man bereit das Risiko zu tragen und Geld in neue Ideen und Technologien zu investieren, schließlich müssen die Eigenanteile der Projekte getragen werden. Die Bereitschaft Eigenanteile in die Projekte zu stecken fällt mit zunehmender Dauer der Krise.
An diesem Punkt bietet CBT eine große Chance, denn bei der Durchführung der Projekte ist der Eigenanteil am Ende ausgesprochen niedrig, insbesondere unter der Berücksichtigung sämtlicher Overheads.

Sollten Unternehmen eine höhere Innovations- und Risikobereitschaft bei der Entwicklung neuer, nachhaltiger chemischer und biotechnologischer Produktionsprozesse an den Tag legen?

Naja, Unternehmen haben nun einmal betriebswirtschaftlich zu denken. Man muss sich der Illusion entledigen, dass die Grundlagenforschung durch die Industrie kofinanziert wird… Auf einen gesunden Mix in der Förderlandschaft kommt es an. Unternehmen können nur begrenzt Risiken eingehen, sollten aber immer bereit sein, in unausgereifte Ideen in ihren Geschäftsfeldern zu investieren.

Herr Prof. Dr. Schembecker, vielen Dank, dass Sie für dieses Interview zur Verfügung standen!

Das Interview wurde am 19.11.2009 am Lehrtstuhl für Anlagen- und Prozesstechnik an der TU Dortmund durchgeführt.